Leserbrief

                     Der Spiegel Nr. 46/10.11.03 – Titel: Klassenkrampf: Warum Lehrer und Schüler versagen

                        Guten Tag, sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion, 

der Sommer 2003 bleibt uns lange in Erinnerung. Die Sonne brannte, es war sehr heiß, in Frankreich starben in kurzer Zeit Tausende schlecht versorgter alter Menschen. Die Presse hatte viel zu  berichten über diesen Jahrhundertsommer. In den Sommermonaten hat auch der  knallharte Sparkommissar Hans Eichel ein anderes Gesicht gezeigt. Mittlerweile wirkt er nur noch weinerlich, da er seine bei Christiansen in aller Öffentlichkeit genannten Ziele anschließend immer haushoch verfehlte. Über diese Missstände ständig zu berichten wäre langweilig, uninteressant und würde sicher die Gruppe der Leser dezimieren. Mit welchem Thema könnte man deshalb diese Lücke in Ihrem Magazin schließen? 

Da bietet es sich doch an, ein alljährlich altbewährtes Thema aus der Schublade zu holen und den Versuch zu starten, eine Arbeitnehmergruppe zu diskreditieren und zu instrumentalisieren, um Verlagsumsätze und damit Gewinne zu puschen. Mindestens einmal im Jahr müssen die Lehrer wohl eben mal herhalten. Und wenn man Ihren Beitrag liest, dann wird tatsächlich primär nur über „die“ Lehrer berichtet, so als gäbe es uns nur als eine undifferenzierte Arbeitnehmergruppe.

Ehrlich gesagt: Ich erhoffte mir – wenigstens in einem Bericht nach der Sommerpause – kein so schwach recherchiertes Thema lesen zu müssen. Zumindest hätte ich erwartet, dass hervorgehoben wird, dass „die“ Lehrer tätig sind in Grundschulen, Hauptschulen, Realschulen, Sonderschulen, Gymnasien und (!) beruflichen Schulen.  

Mit diesem Brief möchte ich auf eine stets vernachlässigte Gruppe von Arbeitnehmern hinweisen, wenn es um „die Schule“ geht. Damit meine ich die Lehrer an beruflichen Schulen. Dieser Gruppe gehöre ich persönlich an und fühle mich durch den Bericht in Ihrem Magazin angegriffen. Ich hätte mir eine bessere Recherche, differenziert nach Lehrer-Kategorien erhofft. Aber welcher Journalist ist auch schon bereit, über das System der fälschlicherweise genannten Berufsschullehrer zu berichten, wenn es nicht gerade besondere Anlässe wie in Hamburg gibt. Der sog. Berufsschullehrer ist in der Regel kein solcher, sondern ein „Lehrer an beruflichen Schulen“ oder auch Sekundarstufe II – Lehrer an berufsbildenden Schulen (richtig) genannt. Als solcher verfasse ich diese Zeilen. Und immer dann, wenn wir auf Grund eines solchen, wie des Ihrigen Artikels, auf markant destruktive Weise angesprochen werden, empfehle ich meistens, sich darum zu bemühen, einmal selbst diesen Job auszuüben. So könnte man dann erfahren, welche Aufgaben ein Lehrer unserer Machart in den Schulstunden, in den sog. Pausen (sie finden auf Grund von Gesprächen mit Schülern, Eltern, Arbeitgebern usw. häufig nicht statt) und außerhalb des Unterrichts zu bewältigen hat. Der Unterricht an unserer Schule, in der rund 2500 Schüler in über 140 Klassen von rund 100 Lehrern betreut werden, findet im Übrigen am Morgen, am Nachmittag, am Dienstag- und Donnerstagabend und an Samstagen statt. Unser „Geschäft“ ist es, Schüler aus über 10 Ausbildungsberufen im kaufmännischen Bereich nach unterschiedlichen Lehrplänen zu unterrichten, aber auch solche, die die einjährige Berufsfachschule, die zweijährige Berufsfachschule, die Fachoberschule oder die Fachschule für Betriebswirtschaft (Erwachsenenbildung ), besuchen.  Wir Lehrer an beruflichen Schulen erzählen in aller Regel nicht, dass wir verpflichtet sind (und dies auch tun), neben unserem Alltagsgeschäft in diversen Prüfungskommissionen der zuständigen Stellen (wie der IHK oder der Rechtsanwaltskammer) mitzuwirken, die Interessen der Schule in Berufsbildungsausschüssen zu vertreten, in Gruppenarbeit in immer kürzer werdenden Abständen die Lehrpläne schulintern zu updaten und Einladungen des Kultusministeriums zu pädagogischen Gesprächen wahrnehmen und Vieles mehr. Wenn ich ehrlich bin, so freue ich mich nicht, Abschlussprüfungen der Rechtsanwaltskammer für Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte in den Weihnachtsferien korrigieren zu müssen. Ich tue es dennoch, ohne Stöhnen. Denn es gehört zu meinem/unserem Job.

 Wissensvermittler und Pädagogen an beruflichen Schulen, kaufmännischer Bereich, sind wir an unserer Schule. Damit verbunden ist die permanente Verpflichtung, Lerninhalte u. a. in Sachen Politik, aber insbesondere Wirtschaft und Recht zu vermitteln. Was bedeutet dies? Unsere Schülerinnen und Schüler sollen sachkundig getrimmt werden in allgemeinem Recht, in Handels- und Gesellschaftsrecht, in Kredit- und Wertpapierrecht, in Arbeits- und Sozialrecht, in Wirtschaftspolitik usw. usw. Dabei gilt, dass wir Wirtschaftswissenschaftler „unseren Kunden“ im Sinne der von Qualitätsmanagement geprägten Überlegungen nicht nur die durch Lehrpläne vorgegebenen Sachverhalte vermitteln.  Es ist fast monatlich jeweils zu überprüfen, ob die in den Lehrplänen verankerten Inhalte noch aktuell sind. Wer zurzeit unterrichtet, ist beispielsweise gezwungen, den Schülern und Schülerinnen Inhalte zu erklären, die selbst Abgeordnete im Bundestag kaum oder nicht beherrschen (siehe Fernsehaufzeichnungen, Befragungen von Volksvertretern). Dabei geht es der Lehrerin/dem Lehrer darum, sich die geänderten Inhalte rechtzeitig zu beschaffen, die Texte zu lesen und zu verstehen, die Gründe zu erfahren, warum sich die Inhalte geändert haben, die Sachverhalte didaktisch zu reduzieren, also verständlich zu vermitteln, sie methodisch aufzubereiten, d. h. mit Schaubildern und Ähnlichem zu untermauern usw. Wenn ich von den Inhalten spreche, dann meine ich beispielsweise, die Änderungen in den verschiedenen Gesetzen, die in einer Gesetzessammlung des Arbeitsrechts, des allgemeinen Wirtschaftsrechts oder des Steuerrechts zu finden sind.

 Unserem alltäglichen Publikum ist dann nicht nur zu vermitteln, dass sich ein Gesetz oder eine Verordnung geändert hat, sondern beispielsweise ist auch zu erklären, warum sich das Betriebsverfassungsgesetz, Bundeserziehungsgeldgesetz oder das Kündigungsschutzgesetz geändert haben und warum der vom Staat bezahlte Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung nicht tatsächlich ein Gutachten schreibt, an das sich dann die Bundesregierung oder die anderen  verfassungsrechtlichen Organe im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens häufig kaum oder nicht orientieren usw. 

Ich gestehe, Ihr Bericht verärgert nicht nur mich. Auf ihn wurde sogar in der Personalversammlung unserer Schule verwiesen. -  Ja, ich weiß, es gibt faule Lehrer, die ihren Unterricht nur oberflächlich vorbereiten, es gibt auch faule Ärzte, die sich nicht ständig weiterbilden, es gibt auch faule Juristen, die sich nicht rechtzeitig auf die neueste Gesetzeslage einstellen und es gibt sicher auch faule Journalisten, die nicht richtig recherchieren. Ich frage nur: Sind dann alle Lehrer, alle Ärzte, alle Juristen und alle Journalisten faul oder gar Versager? Ich frage dies, weil Ihr Titelbild eine solche Meinung hinsichtlich der Gruppe der Lehrer suggeriert.

 Wenn wir gebraucht werden, werden wir geliebt. Gott sei Dank hat schon lange kein Schüler mehr wild um sich geschossen. Und wenn es erforderlich ist, werden wir mal wieder getreten. Diese Erfahrung sammle ich, seit ich Pädagoge und Wissensvermittler bin. Und ich sage Ihnen: Ich wollte immer Lehrer werden und übe auch heute noch gerne diesen Beruf aus. Es ist die intrinsische Motivation und die Verantwortung gegenüber unseren Schülern und der gesamten Gesellschaft, die dieses Bewusstsein bei mir aufrecht erhält.  

Ich wünsche mir künftig eine differenziertere Berichterstattung von einem so hoch angesehenen Magazin. 

Freundliche Grüße 

Werner Hau

Dieser Leserbrief bezieht sich auf den folgenden Bericht:

Saarbrücker Zeitung von Montag, 5. Juni 2000:

Probleme bei der Rückkehr

Oskar Lafontaine meldet sich nach seinem jähen Ausstieg aus der Politik am 11. März 1999 zumindest im Saarland in die Öffentlichkeit zurück. Sein Versuch, in den Aufsichtsrat der "Saarbrücker Zeitung" aufgenommen zu werden, ist jedoch wegen seiner früheren Angriffe auf die Pressefreiheit gescheitert.

Sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion,

als Bexbacher und als Exil-Saarländer, den es - beruflich bedingt - nach Mainz verschlagen hat, interessiere ich mich auch weiterhin für Vorgänge im Saarland. Hier in Mainz habe ich die „Allgemeine Zeitung Mainz“ abonniert. Als ich sie heute morgen aufschlug und überflog, fiel mir sofort die Abbildung eines Kopfes auf, den ich kenne, aber gerne aus meinem Gedächtnis verbannen würde. Hierzu las ich in dieser Tageszeitung vom 12. Mai 2000: „Oskar Lafontaine ....misslang der Versuch, in den Aufsichtsrat der „Saarbrücker Zeitung“ gewählt zu werden. Verleger Dieter von Holtzbrinck erklärte, Lafontaine passe nach seinen Attacken gegen die Pressefreiheit in der Vergangenheit nicht zu einem Medienunternehmen, das eben diese Pressefreiheit und die journalistische Unabhängigkeit stets hochgehalten hat“. Mein ganz großes „Bravo!!!“ für diese Entscheidung an alle Entscheidungsträger, die sich gegen Herrn Privatier Lafontaine stark gemacht haben!

Ich freue mich sehr als mit der Presse verbundener mehrfacher Buchautor, als Lehrer, aber auch als Privatmann, der trotz heftigen Bemühens manchmal bestimmte politische Vorgänge nicht nachvollziehen kann. Also noch einmal: Meine Hochachtung an Sie, die Geschäftsführung und Redaktion!

Die Zeiten, in denen der Ex-Ministerpräsident des Saarlandes seine Ziele (wie die aus egoistischen Absichten eingeleitete Einschränkung der Pressefreiheit) zeitweise mit großer Narrenfreiheit als „Oskar“ verfolgen konnte und teilweise auch erreicht hat, sind Gott sei Dank passé. Ich hoffe nur, dass diejenigen, die Herrn Lafontaine weiterhin unterstützen möchten, endlich erkennen werden, dass dieser Ex-Bundesminister  seinen Satz „mein Herz schlägt links“ nur als Mittel zum Zweck einzusetzen versucht und mit dieser gefühlsbetonten Aussage Anhänger für sich gewinnen will.  Wenn seine Noch-Anhänger ihm diesen Spruch immer noch glauben, sind sie wohl zeitweise so in Trance versetzt, dass sie nicht erkennen, dass Herr Lafontaine während dieser  ihrer „Trance-Zeit“ mal wieder einmal klammheimlich versucht, sich doch ins Bett der Kapitalisten, die er offiziell bekämpft, zu legen und dort abzukassieren. Die Tantieme für den Aufsichtsrat wird er nun nicht bekommen. Ich danke denen für die Wahl des Aufsichtsrats zuständigen Personen für diese konsequente und sachlogische Entscheidung! 

Die mir vorliegende Pressemitteilung werde ich nutzen, um meinen zu erteilenden Unterricht im Fach Politik zu bereichern. Vielleicht kommt man dann am Ende der Stunde im Rahmen der Evaluation zu der Erkenntnis, dass

1. die Pressefreiheit ein hochrangiges Grundrecht ist, das nicht aus machtpoltitischem Kalkül außer Kraft gesetzt werden darf und

2. die Entscheidungsträger der Saarbrücker Zeitung in Sachen Oskar Lafontaine Rückrad gezeigt und konsequent gehandelt haben.

Ich wünsche Ihnen allen in der Geschäftsführung und Redaktion weiterhin viel Kraft solche neutralen Entscheidungen zu treffen und so dazu beizutragen, dass gerade dieser Zeitung über die Grenzen des Saarlandes hinaus mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.

 Mit den besten Grüßen aus der Gutenberg-Hochburg Mainz

mit geringfügiger Kürzung veröffentlicht in: Wirtschaft und Erziehung 2/2004 (Februar) - Bundesverband der Lehrer an Wirtschaftsschulen e.V.